Wenn eine Schule ein Jubiläum feiert wie der 25-jährige Bestehen, dann
gehören zu diesem Anlass nicht nur Erinnerungen an Lehrer,
Schüle, Unterrichtsspäße oder besondere Ereignisse, sondern auch die
Erinnerung daran, wo das eigentlich stattgefunden hat. Besondere Bedeutung hat diese
Tatsache deshab, weil die Hildburg-Realschule nicht mehr in den Räumen ihres Ursprungs
weilt, sondern im Sommer 1975 in das Schulzentrum an der Paul-Erdniß-Straße umgezogen
ist.
Als Schülerin der Jahre 1969 - 1975 ist meine Realschulzeit jedoch eine Erinnerung,
die untrennbar ist von den alten Gebäuden in der Ostertorstraße. Und was liegt näher,
als dass eine Architekturstudentin einige Erlebnisse aus dem wohl entscheidensten Teil
ihrer Schulzeit durch das Gedenken an die Schulgebäude erzählt.
Ich war noch keine 10 Jahre alt, als ich im Herbst 1969 das Hauptgebäude der
Realschule zum ersten Mal betreten sollte. Schon von außen rief es genau jene Wirkung
hervor, die man zur Erbauungszeit solcher Gebäude bei den Schülern erreichen wollte:
Ehrfurcht, Respekt, Streben nach oben und eine gehörige Portion Angst.
Der betonte Haupteingang, das stehende Format und die strenge Reihung der
Fenster, die düstere Farbe der Außenhaut und die für Kinder schwer zu öffnende,
doppelflügelige Eingangstür taten ihr Nötigstes. Doch nicht genug damit. Gleich nachdem
man die "heiligen Hallen" betreten hatte, musste eine breite Treppe erklommen
werden. Je höher man gelangte, desto kleiner wurde man; bis man sich vor dem Rektorzimmer
seiner ganzen Winzigkeit und Unbedeutendheit bewusst war.
Die Mutter,
die einen bis dort nch begleitet hatte, wurde nach einem
kurzen Gespräch mit dem Rektor verabschiedet, und die Sekretärin aus dessen Vorzimmer
leitete das sichere Ankommen in dem kleinen Klassenzimmer. Auf dem fensterlosen Flur
starrte man in beleuchtete Schaukästen, in den später unsere von Fleiß oder Talent
zeugenden Werk- und Handarbeitskünste bewundert werden konnten.
Im Klassenzimmer wurden wir noch einmal von unserer Klassenlehrerin begrüßt. Wir, das
war im Anfang eine von drei gemischten Klassen mit ungefähr 30 Schülern, die den Titel
"B-Klasse" erhielt. Eine Klasse, die den Lehrern in den folgenden Jahren
ebensoviel Freude wie Ärger bereitete. Noch am ersten Tag erklärte man uns die Bedeutung
einiger wesentlicher Punkte, die
direkt mit den Örtlichkeiten zusammenhingen. Es
wurde berichtet, dass es sich bei dem Hauptgebäude um das ehemalige Mädchen-Progymnasium
handelte, das aus der höheren Töchterschule hervorgegangen war, um im Jahr 1920 den
Namen Hildburgschule nach der Stifterin des Klosters Möllenbeck erhalten hatte. Nachdem
im Winter 1959/60 ein Erweiterungsbau mit sechs großen Klassenräumen angebaut worden
war, und das Hauptgebäude einen Zeichensaal,
einen Chemiesaal, einen Physikraum und eine
Schuküche erhalten hatte, begann im April 1960 zum ersten Mal der Unterricht mit 84
Schüler/innen und vier Lehrern. Ostern 1965 wurde aus der Mittelschule die
"Hildburgschule - Realschule für Jungen und Mädchen". Ein Jahr später
renovierte man die Aula und baute gleichzeitig eine Bühne ein.
All dieser Dinge sollten wir uns bewusst sein, sollten uns im Haus und auf dem Schulhof
stets gesittet verhalte, nichts zerstören oder beschädigen usw. Außerdem lernten wir,
dass der Haupteingang nur Erwachsenen vorbehalten war und wir uns unterstehen sollten, ihn
zu benutzen. Im Eingangsflurwar der Aufenthalt nur mit einem triftigen Grund gestattet,
und Laufen oder Schreien durften wir dort schon gar nicht. Immerhin befanden sich daja
Rektor- und Lehrerzimmer.
Aber mit Verboten ist das ja bekanntlich so eine Sache, und so unterlag ich der
Versuchung: es war Samstag, mein Vater wartete im Wagen vorm Hof und die Stunde war
überzogen worden! Ich schnappte meine Sachen, rannte durch den Flur direkt auf den
Eingang zu und ... die Tür seines Büros öffnete sich und der Rektor stoppte meine Eile.
Sicher lag es daran, dass es Samstag gewesen war; außer einer Ermahnung und einem Umweg
durch den Seiteneingang gab es keine Strafe. Erst fünf Jahre später genossen wir es, die
Treppe hinunterzuschreiten und das Haus samt Abschlusszeugnis dort zu verlassen, wo wir es
einst betreten hatten.
Alle Räume jener Schule sind für mich mit Erinnerungen und Erlebnissen verknüpft.
Anhand einiger dieser Erlebnisse möchte ich in Gedanken noch einmal durch diese Räume
wandern, um sie dem einen oder anderen Leser auch ins Gedächtnis zurückzurufen.
Da gab es zunächst ganz oben unter dem verwinkelten Dach den vielgeliebten
Zeichensaal, in dem man auf Schemeln sitzend in Farben und Phantasien schwelgen konnte
oder einfach nur den herrlichen Blick über die Dächer der Innenstadt genoss. Die mit
bunten Kleksen verzierten Wände dieses "Ateliers" standen in starkem Kontrast
zu en weißen Wänden, die die nebenan liegende kleine Schülerbibliothek hatte. Dort
sorgte die bescheidene Anzahl der Bücher für die nötige Farbgebung. Eines der Bücher -
es hatte einen Umschlag im Orangeton - habe ich ganze sechsmal verschlungen.
Spannender noch als die Bibliothek war der daneben befindliche Dachboden, auf dem alte
Hefte und ausrangierte Lehrmittel lagerten. Wenn wir Glück hatten, war seine Tür nicht
abgeschlossen. Dann schlichen wir uns in der großen Pause, bevor die Aufsicht kam, hinauf
und bauten dort in Gedanken einen phantastischen "Partyraum" mit einer Galerie,
Theken, kuscheligen Sitzecken.... Die Träume wurden leider meistens durch das
"Klingeln zur Stunde" zerstört, und wir liefen schnell die knarrenden Stufen
hinunter, um nicht erwischt zu werden.
Im darunterliegenden II. Obergeschoss gab es neben dem für Rutschpartien vorzüglich
geeigneten Flur einige sehr erlebnisträchtige Räume. Zwei davon waren einmal unsere
Klassenzimmer. Der eine hatte drei oder vier große Fenster an seiner Nordseite, die einen
Ausstieg auf das Flachdach des Anbaus ermöglichten. Nur das Hinaussetzen eines Fußes war
schon strengstens verboten, aber dennoch haben wir uns oft gefragt, ob man wohl vom Dach
des Anbaus über Eck auf das der Turnhalle springen könnte. Kriminell, nicht wahr....?
Übrigens entstand in jenem Raum mein erster und bis jetzt einziger Krimi.
Nebenan befand sich der mit Klappstuhlreihen versehene Chemiesaal, in dem es machmal
ganz schön brodelte und zischte. Die Klappstühle gaben natürlich viel Anlass zum
Stören des Unterrichts, und als dann zur Unruhe im Raum eines Tages bei Sturm auch noch
die Krone eines umstürzenden Baumes zum Fenster hineinschlug, hatte der Lehrer die Nase
voll. Es gab "Übungsaufgaben" und eine Freistunde.
Vom Chemiesaal trennte nur ein enorm interessantes Materiallager den Physiksaal, in dem
ein unglückseliger Referendar einmal einen explosiven Versuch in die Luft gehen ließ.
Physik war ansonsten nicht gerade unser Fach, und weitaus umfangreichere Erinnerungen
liefert die neben dem Physikraum gelegene Aula.
Ein Jahr lang diente sie uns als Klassenzimer; was ein nicht unerhebliches
Problem darstellte, weil sich die dort befindlichen Musikinstrumente dauernd in Gefahr
befanden, von uns bearbeitet zu werden. Zu jener Zeit war es gerade Mode, die Mitschüler
mit kleinen Suppennudeln zu bombardieren, die man sich in der Pause in der
"Käse-Ecke" besorgt hatte. (Eingeweihte wissen, worum es sich hier handelt.)
Diese kleinen Geschosse fügten nach Anfeuchten im Mund und gezieltem Strohhalmschuss den
Opfern unangenehme Schmerzen zu. Nun hatte die Aula einen Parkettboden, der nicht in
seinem besten Zustand war. Sämtliche durch Arbeiten des Holzes
aufgetretenen Fugen wurden so von unzähligen Nudeln wieder
gefüllt. Dies hatte zur Folge, dass eines schönen Samstagsnachmittags die 7b zur
Parkettreinigung anzutreten hatte! Bei einer anderen Gelegenheit, bei der wir zwecks einer
Chemiearbeit ohne potentielle Nachbarschaftshilfe im ganzen Gebäude verteilt wurden,
konnte ich dank nur einer Aufsichtsperson eine meiner besten Arbeiten auf der Bühne
schreiben.Aber nicht nur für solche Aktionen bot uns die Aula einen angemessenen Rahmen,
sondern auch für kleine Theateraufführung, Musikstunden und festliche Anlässe.
Ging man von jenem Geschoss
wieder
zwei Treppen hinunter, so befand man sich im bereits erwähnten Eingangsflur. Er diente
als Erschließungsfläche für drei kleine Klassenzimmer ( von denen das kleinste mein
erstes war ), für Rektor- und Lehrerzimmer, zwei oder drei kleine Nebenräume und die
Schulküche. In einer ihrer vier Kochkojen begann meine Karriere als Hobbyköchin mit der
Zubereitung eines schmackhaften Auflaufes. Dass natürlich ausgerechnet mein
"Vorführessen", was jede
von uns einmal zusammenstellen musste, zuviel Salz hatte, war typisch. Aber zum Glück gab
es ja noch Pausenbrote. Und um die zu essen, ging man besser doch eine Treppe tiefer und
durch den Seiteneingang auf den Schulhof.
Stopp! Fast hätte ich den Keller vergessen.
Dort
hatten wir nämlich die Möglichkeit, unsere handwerklichen Fähigkeiten im Werk- oder
Handarbeitsraum unter Beweis zu stellen. Die Räumlichkeiten erfreuten sich großer
Beliebtheit, da sie das Betreten des Hofes durch die Fenster gestatteten. Einige mutige
Schüler nutzten dieses verlockende Angebot sogar während geeigneter Momente im
Unterricht.
Nun aber endlich zur Pause! Unter dem Schutz eine
Wellplastikdaches drängelten wir erst einmal alle vor "Herrn Noltemeiers
Kakaoausgabe"; wobei es sich um nichts anderes als eines der Fenster der
Hausmeisterloge handelte, das gleichzeitig die ordungsgemäße Kontrolle der Eingänge
ermöglichte. Auch die Eingänge der Toilettenanlagen, die einige von uns sicher mit der
Erinnerung an die erste Zigarette verbinden, lagen dort. Der Schulhof teilte sich nach
"stillen Regeln" in bestimmte Zonen auf, die anch Altersgruppen entstanden
waren. Die "Großen", die auch in den Pausen Türwachen zu stellen hatten,
hielten sich möglichst weit entfernt vom Hauptgebäude. Vor der Turnhalle waren wir nur
zu finden, wenn wir einen unerlaubten Abstecher in die "Käse-Ecke" wagen
mussten, um ein Negerkussbrötchen zu erstehen.
Der Rest des Schulhofes, der
durch die Lage der Schule in Rinteln Innenstadt rundherum von Häusern, Gärten und der
Ostertorstraße begrenzt war, hatte in den Pausen den charakter eines Gefängnishofs: Wir
gingen 'rum, d. h. meist in Gegenrichtung zur Aufsichtsperson umkreisten wir essend,
trinkend und eifrig redend die Schule. Vorbei an dem an der alten (Stadt)Mauer
angebrachten Schaukasten mit den Infos zum Schulalltag. Es war von Bedeutung, mit wem man
gerade 'rumging, als Zeichen für gerade andauernde Freundschaft. Klingelte es zur Stunde,
dann rannte man im ersten Jahr noch zur Tür, verlangsamte sein Tempe in den folgenden
Jahren aber auf ein machbares Minimum. Dennoch erreichte man auch so den Eingang zum Anbau
und schloss sich die Glastür hinter einem, stand man im "Partyflur".
Denn auch Feste gehören zu Schulereignissen. Und es gab keinen Plarz, der sich besser
zum Feiern eignete, als der weiß verputzte Neubau mit seinem für unsere Verhältnisse
großen "Foyer". Nicht nur weil der Fußbodenbelag außerordentlich gut zum
Tanzen geeignet war, die Treppe multifunktionale Nutzung zuließ, die Klassenräume
Buffets und Sitzecken aufnahmen, sondern auch weil die Zweigeschossigkeit des Flures eine
gutes Klima auch auf der heissesten Fete garantierte. Und Schulfeste waren dann auch immer
ein voller Erfolg! Aber sonst war der Anbau nicht besonders beliebt. Die Wände waren zu
weiß, die großen Fensterflächen erhöhten das Risiko beim Herumtoben und
überhaupt...es fehlte irgenwie das Ambiente, das das alte Schulgebäude zweifellos
besaß. Die weißen Mäuse allerdings, die ein Schüler der A-Klasse eines Tages
mitbrachte, schienen sich sehr wohl zu fühlen. Sie flitzten über den glatten Boden wie
wir dies nur in der Turnhalle durften.
Eine Turnhalle hatte die Realschule im Jahre 1966 bekommen. Das Haus beherbergte
zusätzlich noch einen Biologieraum, zwei Werkräume, einen Gymnastikraum sowie die
vorgeschriebenen Nebenräume. OhneSport war unser Stundenplan, der in den ganzen sechs
Jahren nie wenigen als 30 Wochenstunden hatte, gar nicht denkbar. Und so ertüchtigten wir
unsere Körper mit Anstrengung und Schweiß, im Kampf und im Spiel. Dabei kam es vor, dass
einem ein Kasten auf den großen Zeh fiel oder man am Stufenbarren einen ungewollten
"Abgang" aus dem Unterricht machte....
An dieser Stelle, nach der etwas ungewöhnlichen Gebäudebeschreibung, möchte ich
eigentlich meine Hoffnung aussprechen, dass derBeitrag nicht nur bei vielen eigene
Erinnerungen wachrufen möge, sondern dass auch deutlich wird, in welch starkem Maß
unsere direkte Umwelt unseren Alltag beeinflusst. Denn bedenkt man, dass die Menschen
hierzulande 80 - 90% ihres Lebens in geschlossenen Räumen verbringen, dann wird sicher
die besondere Bedeutung der Architektur klar.
Für mich bezeichne ich es unter dem Aspekt immer als Glück, nur in die
Ostertorstraße geört zu haben; auch wenn es natürlich unbestreitbar ist, dass der
Standard im Schulzentrum wesentlich besser ist, un den Arbeiten der Schüler und Lehrer
größere Entfaltung geboten wird. Aber vielleicht ist meine Liebe zu (alten) Häusern
durch das fast schon historische Gebäude in der Ostertorstraße geweckt worden und findet
ihre Fortführung in dem ehemaligen Druckereigebäude unseres Fachbereichs an der
Universität Hannover. In diesem für 1432 Studenten viel zu engen, unzureichend
ausgestatteten Backsteinbau werde ich Ende diesen Jahres genauso lange verbracht haben,
wie in der Realschule. Sechs Jahre, in denen das Schulwissen eine gute Grundlage für
meine Arbeiten war und in denen ich versucht habe, mich darauf vorzubereiten, eines Tages
Häuser zu bauen, die möglicherweise auch einmal zum Rahmen von Erinnerungen werden. -
Hoffentlich sind es dann a u c h positive.
1985 aus der Festschrift zum 25-jährigen Jubiläum
Heike Decher
